# S25-S26-1 - Mutter und Sohn
## Einordnung
**Kampagne:** The Masketiers
**Spielercharakter:** [[Valk]]
**Zeitpunkt:** Nach Rückkehr aus Ardalyn (nach Session 25, ungefähr 20 Sylvaris 662 nBG)
**Ort:** Dragongaze Manor (wechselnde Schauplätze)
**Beteiligte Personen:** [[Zarethra_Orilen|Zarethra Orilen]], [[Osterion_Orilen|Osterion Orilen]]
**Erzählperspektive:** Valk (Teil 1), Zarethra (Teil 2), Osterion (Teil 3)
## Ausgangslage
Valk verhält sich auffallend sentimental. Zarethra erfährt, dass Valk kürzlich wiederbelebt werden musste. Erschrocken konfrontiert die Mutter ihren Sohn
## Geschichte
### I - Nach Ladenschluss
Valk hatte die letzte Kiste an seinen richtigen Platz im Lagerraum verstaut und kehrte in den Laden zurück. Der kleine Laden seiner Mutter – geflutet im rötlichen Abendlicht – hatte nun geschlossen und Zarethra sass auf einem Schemel und studierte ihr Notizbuch, worin sie die Verkäufe und Geldwechsel des Tages fein säuberlich notiert hatte. Bittersüsse Nostalgie erfasste Valk, als er die altbekannte Silhouette seiner Mutter betrachtete, wie sie über ihr Notizbuch brütete. Als Kind hatte er sie fast täglich so gesehen. Und nun, Jahre später, fern von ihrer Heimat in einer anderen Dimension, sass sie noch immer genauso da, als ob sich nichts verändert hätte.
«Das Lager ist gemacht», verkündete Valk beiläufig und lehnte sich neben Zarethra am Tresen.
«Vielen Dank, Eòghan», lächelte sie, bevor sie sich wieder ihrem Buch widmete.
Mit dem Rücken zum Tresen angelehnt rutschte Valk langsam zu Boden und starrte die Dielen zwischen seinen Beinen an.
«Guter Tag, heute?», fragte er.
«Nun. Es könnte besser sein. Aber unser Laden muss sich ja noch etablieren. Und immerhin muss ich heute die Inventur nicht mehr machen. Danke dir dafür.»
«Is' nur das Lager», murmelte er kaum hörbar und zuckte die Achseln.
Eine Weile sassen sie so. Dann liess er sich einfach so zur Seite gleiten und lehnte den Kopf gegen ihr Bein. Zarethras Hand kam sofort – unaufgefordert, unkommentiert – und strich ihm mit gleichmässigen, langsamen Bewegungen durchs Haar. Er drehte sich herum und legte Arme und Gesicht in ihr Schoss – ein uralter, lang vergessener Automatismus. Durch die Kleider sog er den vertrauten Geruch seiner Mutter ein und vergass für einen Moment, dass er kein kleiner Junge mehr war. Das Abendlicht wurde rötlicher, die Schatten wuchsen. Wortlos verweilten beide in diesem Moment, der nur ihnen gehörte.
«Bist du glücklich, Mum?» Die Worte kamen leise, fast beiläufig, als wäre es keine ernste Frage.
Sie hielt kurz inne. «Ja», sagte sie dann, und es klang ehrlich. «Ja, ich bin glücklich.»
Er nickte kaum merklich. «Vermisst du das Zuhause in Myntköping?»
«Ein bisschen, vielleicht», antwortete sie sanft, während ihre Hand zärtlich über seine Wange strich. «Die Pfefferminztaschen von Nettie – die Bäckerei in der Südgasse, weisst du noch? – die vermisse ich. Unseren lieben Nachbar Dorian hingegen überhaupt nicht» Sie machte ein Geräusch – halb Kichern, halb verächtliches Schnauben.
«Oh Gott, Dorian», lachte er, «der wandelnde Wutanfall lebt noch?»
«Er hat sich stark gebessert, seit du weggegangen bist. Ich habe gehört, bei ihm sei mal eingebrochen worden. Musste dabei wohl eine Art Erleuchtung gehabt haben, denn er hatte sich seither stark gebessert.»
Valk konnte sich genau denken, was geschehen war und dankte insgeheim seiner alten Strassenbande, dass sie ihr Versprechen einhielten.
«Nein, ich vermisse nichts wirklich. Ich habe alles, was ich brauche, genau hier.» Sie beugte sich vor und küsste ihn bei der Schläfe.
«Ich liebe dich auch, Mum.»
Er vergrub sein Gesicht wieder in ihren Schoss und drückte sich fest an sie. Der Stoff ihres langen Kleids knitterte im festen Griff seiner Hand und seine Schultern versteiften. „Ich hab dich ganz doll lieb."
Zarethra sagte nichts sofort. Sie legte nur ihre Arme über ihn.
„Ich weiss", sagte sie leise. „Ich hab dich auch lieb. Immer. Das weisst du doch."
Er atmete aus.
„Was ist geschehen, Eòghan? Ist es wegen diesem Slip?" Die Frage kam sanft.
Er stockte. „Nein. Nichts mit Slip." Er holte Luft. „Ich wollte es einfach… gesagt haben."
Zarethra wartete. Doch die Worte blieben in seiner Kehle stecken. Sie fragte nicht weiter. Sie strich ihm bloss durchs Haar, ruhig und stetig.
---
### II - Im Garten
Es war am zweiten Tag, nachdem die Gruppe heimgekehrt war.
Sie war einfach den Korridor entlangegangen – auf dem Weg zur Küche, oder zum Garten, sie wusste es selbst nicht mehr genau – als Ignishs Stimme durch die angelehnte Tür drang. Nur ein paar Worte. Nur einen Satz. Sie blieb stehen. Der Satz ergab keinen Sinn. Sie wartete, ob noch mehr kam, ob sie falsch gehört hatte, ob es eine Erklärung gab, die alles wieder zurechtrückte. Nichts dergleichen kam. Zarethra stand im Korridor, schnell und flach atmend, und merkte, dass ihre Hände zitterten.
Sie war durch das halbe Manor gerannt und hatte ihn nicht gefunden. Nun rannte sie hinaus in den Garten. „Eòghan!!" Ihre Stimme überschlug sich fast.
«Mum! Was ist passiert?» Er rannte auf sie zu, sichtlich besorgt. Sie sah nicht, von wo er herkam oder was er gerade gemacht hatte. Sie sah nur ihn. Lebendig. Heil. Wie er auf sie zukam, völlig unbeeindruckt von seiner eigenen Existenz. Ihr Atem stockte.
«Was ist los, Mum?» Sie spürte den Druck seiner Hände, als er sie bei den Armen hielt und sie klammerte mit einer Hand sein Armgelenk – wie aus Furcht, dass er wie ein Geist plötzlich verschwinden könnte.
«Eòghan, stimmt es?» Ihre Stimme war hoch und schmal. «Stimmt es, was ich gehört habe?»
«Was hast du gehört?», fragte er betont ruhig.
«Dass du… – dass sie… – « Ihre Augen brannten. «Sie hatten behauptet, du wärst… - aber dann hätten sie dich mit einem Revify-Zauber…» Ihr Ausdruck verzerrte sich zu einer Grimasse; es *musste* sich um einen schlechten Scherz handeln.
«Revivify», korrigierte er sie ruhig mit einem kaum merkbaren Nicken.
«Aber es ist alles gut», munterte er sie auf und strich mit der freien Hand sanft über ihren Arm. «Ich bin hier, siehst du? Nichts passiert. Schlussendlich ist gar nichts passiert.»
Entsetzt blickte sie ihn an, die Augen wirr über sein Gesicht huschend. Er schwieg und wich ihrem Blick aus. Eine Antwort, die sie nicht akzeptieren konnte.
Zarethra holte Luft. «Du gehst nicht mehr.» Ihre Stimme zitterte, doch die Worte kamen und rollten wie eine Lawine unaufhaltsam heraus. „Hörst du? Du bleibst hier, du gehst nicht mehr auf diese – diese Missionen. Ich verbiete es dir.»
«Mum – »
«Ich hab zuerst nichts gesagt, als du gegangen bist, ich hab nie was gesagt, weder damals noch…» Ihre Stimme brach. «Aber das hier – »
«Mum! Hör mir zu!» Er hatte sie an den Schultern gepackt und blickte direkt in das tränenüberströmte Gesicht seiner Mutter. «Ich hab Bahamuts Segen», erklärte Eòghan mit ruhiger Stimme. «Der Drachengott hat mich zurückgeholt, weil ich noch eine Aufgabe zu erledigen habe.» Er sagte es sachlich; so, als würde das alles erklären.
«Nein.» Sie schüttelte schluchzend den Kopf.
Er fuhr unbeirrt fort: «Und der Drachengott Bahamut wird mich deswegen nicht sterben lassen. Nicht, solange die Aufgabe nicht erfüllt wurde. Darum muss ich gehen.»
«Nein.»
«Ich muss – Anweisung von oben, sozusagen. Aber hey, inklusive Arbeiterschutz von oben!» Er versuchte, sie ermutigend anzulächeln.
Seine Mutter starrte ihn bloss verständnislos an.
«Warum du?», setzte sie leise an. Sie klammerte sich an sein Hemd und legte ihre Stirn an seine Brust. «Warum ausgerechnet du, Eòghan?» Ihre Stimme, zunächst zittrig, schwoll zu einem zornigen Rufen an: «Warum?! Es gibt doch andere! Andere Soldaten, andere Abenteurer – es muss doch nicht ausgerechnet du sein – !» Tränen durchtränkten sein Hemd.
Er legte die Arme tröstend über ihren gebückten Rücken und öffnete den Mund.
«Und überhaupt!», sie schnitt ihm das Wort ab, bevor er etwas sagen konnte, «dieser Drachengott! Ich kenne diesen Bahamut nicht einmal!» Sie schüttelte den Kopf. «Wir kommen aus einer anderen Dimension! Das alles geht uns nichts an! Soll er doch gefälligst einen Ardanier wählen! Was hat das mit dir –?» Sie brach zitternd ab.
«Weil wir hier sind», antwortete er bestimmt. «Wir leben jetzt hier in dieser Welt. Wenn diese Welt untergeht, geht sie für uns alle unter!» Eine kurze Pause. «Hast du nicht vorgestern gesagt, dass du hier glücklich bist? Ich tu es auch für dich.»
Sie schüttelte langsam den Kopf und stiess einen schmerzerfüllten Schluchzer heraus. «Und wenn du dabei endgültig stirbst?!»
Eòghan öffnete den Mund. Doch er schloss ihn wieder; er wusste, dass sie ihn nicht anhören würde. Stattdessen strich er beruhigend über ihre Schulter.
«Ich brauch keinen Helden als Sohn! Keinen Märtyrer!» Sie schnappte schluchzend nach Luft. «Ich will einen lebenden Sohn! Soll die Welt doch untergehen, wenn's das dafür braucht!»
Er umarmte sie fest und drückte ihren Kopf gegen seine Schulter. Sie weinte hemmungslos. Eòghan wusste nicht, was er sagen sollte. Wusste nicht, was er tun sollte. Doch er blieb bei ihr und wartete mit ihr geduldig, bis der Sturm der Emotionen vorüberzog.
---
### III - Tee im Zimmer
Osterion hatte eine Kanne Tee mitgebracht und fand Zarethra genau so vor, wie er sie zurückgelassen hatte, um Tee zu brühen. Sie sass auf dem breiten Sessel und starrte auf ihre Hände. Durch das offene Fenster kam frische Abendluft und wehte ihr einige ihrer Strähnen ins Gesicht. Doch sie regte sich nicht und starrte auf ihre leeren Hände.
„Zarethra, *vanimelda*", sprach Osterion sanft und stellte das Tablett mit dem Tee auf den kleinen Tisch neben dem Sessel.
Sie hob den Blick. Ihre Augen waren müde und gerötet, aber sie weinte nicht mehr. Osterion kniete sich zu ihr hin und drückte ihre Hand.
«Wie fühlst du dich?»
Sie blickte ihn an. Doch sie regte sich nicht.
Osterion seufzte kaum hörbar. «Du hast heute viel Flüssigkeit verloren und musst viel trinken», ermahnte er sie ruhig und füllte eine Tasse mit dampfenden Tee. Er reichte es ihr vorsichtig. Sie nahm es wortlos und umklammerte die Tasse mit beiden Händen. «Verbrenn dich nicht, *vanimelda.»*
Er beobachtete sie einige Sekunden. Dann goss er sich selbst eine halbe Tasse Tee ein, schob einen Stuhl in ihre Nähe und setzte sich. «Ssilvaras Spezialmischung», erklärte Osterion, die Tasse hebend, «sei angeblich sehr beruhigend.» Er schlürfte vorsichtig einen Schluck von der dampfenden Flüssigkeit, Zarethra nicht aus den Augen lassend. «Mmh! Schmeckt sehr gut!», rief Osterion überrascht, «Versuch mal!»
Zarethra hob langsam die Tasse, der Ermutigung folgend. Auf halben Weg senkte sie die Tasse wieder.
«Eòghan», setzte sie an. Ihre Stimme war fast ein Flüstern. «Sie mussten Eòghan wiederbeleben.»
Osterion nickte. «Ich hab es gehört. Elyas hat es mir erzählt.»
«Er ist tot gewesen.»
«Ja», antwortete Osterion gepresst, «und sie haben ihn mit Revivify zurückgeholt.»
«Ja.» Es war mehr ein Hauchen als eine Antwort.
«Wir können von Glück sprechen, dass die Gruppe so gut vorbereitet ist.»
«Vorbereitet?», wiederholte sie eisig, «eines der geflügelten Löwenbabys hat mir alles über dieses Revivify erzählt.» Ihre Augen blitzten zornig. «Diamantstaub im Wert von mindestens *dreihundert Goldstücke*. Der Zauber ist offenbar so anspruchsvoll, dass er gewöhnlich nur *einmal pro Tag* ausgesprochen werden kann. Und er funktioniert nur, wenn die Person innerhalb der *letzten Minute* gestorben ist.» Sie nahm einen Schluck Tee. «Das ist Glück. Keine Vorbereitung.»
Er sagte nichts. Präzisierungen über die arkanen Feinheiten des Zaubers hätten an ihrer Schlussfolgerung nichts geändert. In der nächtlichen Stille war nur das Zirpen der Grillen durch das offene Fenster zu hören, während beide schwiegen.
«Und Pock sei ja auch gestorben! Und irgendwie in diesem Aasimar-Körper zurückgekehrt. Er konnte es selbst nicht erklären.» Ihre Hände bebten, als sie die Tasse absetzte. Die Anstrengung, um sich selbst ruhig zu halten, war deutlich in ihren Gesichtszügen zu sehen.
«Ich hab ihm verboten zu gehen», sagte sie nach einer Weile. «Ich hab ihm gesagt, er darf nicht mehr…» Sie presste die Lippen zusammen. „Er hat nichts gesagt. Er hat einfach… nichts gesagt."
Osterion betrachtete sie eine Weile. Er nahm einen Schluck Tee, ehe er ruhig, ohne Umschweife erwiderte: «Ich glaube nicht, dass das ihn aufhalten wird.»
Zarethras Kopf fuhr hoch.
«Nicht, weil er dich nicht genug lieben würde», fuhr Osterion hastig fort, bevor sie etwas sagen konnte, «sondern *gerade weil* so viel auf dem Spiel steht. Man würde es ihm nicht geben, aber er ist sehr verantwortungsbewusst.» Er machte eine kurze Pause. «Das weisst du bestimmt auch.»
Sie schüttelte den Kopf. «Das ändert nichts! Es ist mir egal ob ein dummer Rebellenaufstand die Weltordnung bedroht, oder ob ein Drachengott es ihm befohlen hat, es ist mir egal!«
«Vielleicht.» Er lehnte sich leicht vor, die Ellbogen auf den Knien.
«Warum also sollte er wieder gehen?! Soll sich der Drachengott doch jemand anderen suchen! Warum muss es ausgerechnet unser Eòghan sein?«
Er schüttelte sachte den Kopf. «Eòghan… Valk geht nicht, weil es ihm irgendjemand befiehlt. Er geht, weil er will. Weil er sich dazu entschieden hat. *Vanimelda*, du kannst ihm nicht verbieten, zu gehen.»
Er blickte zu ihr hoch. Zarethra schluckte.
«Er ist unser Sohn», fuhr er fort, «Aber wir dürfen ihn nicht festhalten. Er existiert nicht für uns. Er ist eine eigene Person. Mit seinem eigenen Kopf, Gedanken und Entscheidungen. Das müssen wir respektieren.»
Sie starrte den Inhalt ihrer Tasse an, den Mund zu einer schmalen Linie verzogen.
«Er ist gut», versicherte Osterion nach einem Moment. «Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Seine Gefährten sind gut.»
«Aber was, wenn ihm wieder was geschieht?» Sie vermochte die Frage kaum auszusprechen.
«Dann bin ich sicher, dass seine Gefährten und allen voran Valk selbst alles geben werden, um wieder heil heimzukommen.» Er legte seine Hand auf ihren Arm. «Das allein zählt.»
Zarethra schloss müde die Augen und lehnte sich in ihren Sessel zurück. «Und ich? Ich bleibe schon wieder allein zurück und muss angsterfüllt warten?» Ihre Stimme drohte zu brechen.
«Nein!» Osterion drückte seine Hand an ihren Arm. «Nicht mehr allein. Ich warte mit dir. Wir warten zusammen. Und wenn Valk zurückkommt, dann heissen wir ihn willkommen. Beide. Mit offenen Armen.»
Zarethra atmete langsam aus. Sie hatte keine Kraft mehr, um zu weinen oder weiter zu streiten. Also nickte sie nur müde und trank den erkalteten Tee.
## Nachwirkung
**Was hat sich für den Charakter verändert:** Valk wird mit seiner eigenen Sterblichkeit und damit, wie es die eigene Mutter erschüttert, konfrontiert. Zarethra beginnt den Gefährlichkeitsgrad der Missionen erst jetzt richtig zu verstehen. **Wichtige Erkenntnisse oder Gefühle:** Valk verarbeitet unterbewusst sein Nahtoderlebnis. Zarethra muss akzeptieren, dass ihr Sohn eigene Entscheidungen trifft. Osterion verteidigt Valks Autonomie und Mündigkeit. Zarethra steht Bahamut misstrauisch gegenüber. **Bedeutung für spätere Ereignisse:** Valk geht die Risiken für die Missionen bewusster ein.